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Marc Paulson / Laser Magazine
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Nach zwei Telefonaten klappt es doch mit einem Treffen in einem Berliner Cafe, um ein wenig über den Szpilman Award zu plaudern. Der kleine feine Kunstpreis wurde 2003 in Offenbach/Main ins Leben gerufen und wird seitdem jährlich verliehen. An den Tisch kommt Patrick Koch, einer aus der siebenköpfigen Jury.
MP:
"Der Szpilman Award wird für Arbeiten verliehen, die nur für einen Moment oder einen kurzen Zeitraum existieren. Gefördert werden sollen Arbeiten, die in ihrer Form aus flüchtigen Situationen bestehen." So steht es in der Beschreibung. Was heißt das?
PK:
Das ist auch gleich die meistgefragteste Frage. Und ich kann darauf nur antworten: Genau das. Ich will mich ja nicht zu Beginn so sperrig zeigen. Wir haben einige Zeit überlegt, wie wir den Szpilman Award beschreiben. Und nach langem Hin und Her sind wir auf diese Umschreibung gekommen. Die Ernte davon: Viele fragen, was das heißen soll.
MP:
Dann ist die Umschreibung vielleicht nicht gelungen.
PK:
Es liegt wohl eher daran, daß wir mit dem Szpilman Award einen Preis ausschreiben, der in seiner Art nicht so häufig vorkommt. Deswegen haben wir ihn ja überhaupt ins Leben gerufen. Der Preis richtet sich an Künstler, die Arbeiten schaffen, die nicht zwingend in klassische Profile passen. Es ist kein Preis für Malerei, Bildhauerei, Videokunst. Es ist ein Preis für Arbeiten, die temporär existieren. Eben nur für einen bestimmten Moment. Und von Dritten erlebbar sein sollen.
MP:
Das klingt wie ein Preis für unverkaufbare Kunst, so wie die Documenta XII zur Zeit auch u. a. einige Werke präsentiert, z. B. das Mohnfeld vor dem Fredericianum.
PK:
Ob die Arbeiten unverkaufbar sind, das mag manchmal so sein, manchmal auch nicht. Auf jeden Fall ist das nicht die Prämisse. In Venedig wurde vor zwei Jahren im Deutschen Pavillion eine Arbeit von Tino Sehgal ausgestellt. Sehgal kann seine Arbeiten verkaufen. Und theoretisch wäre er auch ein potientieller Szpilman Award Preisträger. Theoretisch. Das hat die Jury zu entscheiden.
MP:
Eins nach dem anderen. Sucht sich die Jury Arbeiten aus?
PK:
Nein, die Jury sucht sich nicht irgendwelche Arbeiten aus. Der Szpilman Award ist öffentlich ausgeschrieben, und das weltweit. Es kann jeder mitmachen. Jeder. Die Teilnahme ist kostenlos, man muß nur ein kurzes Anmeldeformular ausfüllen und dieses zusammen mit einer Dokumentation der Arbeit, mit der sich die Person für den Preis bewirbt, einsenden. Die Einsendungen werden dann von der Jury gesichtet. Das Prozedere beginnt und nach einigen Tagen wird dann der Preisträger bestimmt.
MP:
Reicht denn eine Künstlergruppe wie Gelitin, die ja mit ihren Arbeiten auch in das Profil passen würden, eine Bewerbung ein?
PK:
Bis jetzt hat Gelitin noch keine Bewerbung eingeschickt. Aber die sind ja auch schon berühmt. Klar, man würde sich auch freuen, wenn sich der eine oder andere bekannte Künstler bewirbt. Und gleichzeitg hätte die Person wohl nicht die besten Chancen. Es ist ja nicht das Ziel, bekannte Personen auszuzeichnen. Dies wäre ja primär nur eine Schmeichelei des Szpilman Awards. Damit wir sagen können: Guckt mal, was für ein toller Preis wir sind. Wir haben einen bekannten Preisträger. Sozusagen der zigste Preis im Portfolio des Ausgezeichneten. Nein, das kann nicht Sinn und Zweck sein. Wir hatten schon die eine oder andere Diskussion während einer Jurysitzung, in der wir meinten: Ach, die Person wird schon an anderen Stellen abräumen. Da müssen wir nicht noch mit unserem Preis kommen.
MP:
Das klingt ja ganz heroisch nach Förderkoje.
PK:
Das können wir bis zum heutigen Zeitpunkt leider nicht von uns behaupten. Aber man hat ja seine Ziele.
MP:
Und wer bewirbt sich dann?
PK:
Künstler aus den unterschiedlichsten Ecken. 2003 haben wir angefangen, ganz klein, da wurden 17 Bewerbungen eingereicht. Und letztes Jahr, 2006, da waren es immerhin schon 358. Die Menge ist sicherlich kein Zeichen für Qualität. Doch wir werden mittlerweile ein bißchen bekannter, und der Radius der Einsendungen wird demenstprechend auch größer. Mit wachsender Zahl der Einsendungen wird die Auswahl für potentielle Preisträger natürlich auch ein bißchen größer.
MP:
Lupe Nunez-Fernandez von der Saatchi Gallery spricht in einem Artikel von einem Trend in der Kunst zu vergänglicher Kunst und nennt im gleichen Atemzug als Beleg dafür den Szpilman Award. Das klingt ja so, als hätte es der Preis schon über den Beckenrand von Offenbach geschafft.
PK:
Anscheinend. In Offenbach geboren und in der Welt zuhause. Vielleicht schaffen wir es ja mal neben der HfG und dem Ledermuseum auf den Freistempler der Stadt. Man kann den Preis ehrlich gesagt nicht verorten, das ist ja auch völlig nebensächlich. Die Jury tritt sich jedes Jahr an irgendeinem Ort, im pfälzischen Guntersblum oder weit draußen in Mecklenburg-Vorpommern auf dem Land. Oder auch mal in Frankfurt.
MP:
Die Jury, die Jury. Das Wort fällt fast in jedem Satz. Wer ist die Jury?
PK:
Die Jury besteht jedes Jahr aus acht Personen, das sind immer die sieben gleichen und der Preisträger oder die Preisträgerin des Vorjahres. Namentlich: Bernd Euler, Dirk Fleischmann, Leonard Kahlcke, Tina Kohlmann, Friederike Schönhuth, Tina Schott und ich.
MP:
Das klingt ja doch sehr nach Offenbach.
PK:
Daher kennen wir uns ja auch.
MP:
Der Preisträger - oder die Preisträgerin, wie man ja politisch korrekt sagen muß - bekommt neben der Auszeichnung ein bißchen Geld, eine Reise nach Polen und einen riesigen Wanderpokal, den ich ziemlich hässlich finde. Warum Polen? Oder ist das die zweitmeistgefragteste Frage?
PK:
Das ist sie.
MP:
Wir reden die ganze Zeit über Theorie, Mechanismen und Verfahren. Der Szpilman Award wird dieses Jahr ja schon zum fünften Mal ausgeschrieben, sprich, es gibt ja schon einige Preisträger, auf die man zurückblicken kann. Catrin Bolt, Martin Flemming, Albert Heta, Julia Weidner. Gute Entscheidungen und glückliche Gewinner?
PK:
Gute Entscheidungen sicherlich. Auf den Sitzungen wird es in der Endrunde untereinander teilweise sehr ernst. Da pokern die Juroren, man will seinen Lieblingskandidaten doch als Gewinner sehen. Und die Diskussionen brauchen teilweise recht lange, da der Gewinner einstimmig bestimmt werden muß. Die gesamte Jury steht hinter der Entscheidung, insofern sind es gute Entscheidungen. Ob die Gewinner glücklich sind, ist ehrlich gesagt eine Frage an die Gewinner.
MP:
Gibt es einen Lieblingspreisträger oder eine Lieblingspreisträgerin?
PK:
Nein. Ich bin nur einer der Szpilman Award Mitglieder und habe selbstverständlich meine Favoriten, doch das ist ja eben nur eine Meinung.
MP:
In einem Blog schreibt vvoi über den Szpilman Award, daß er die ausgewählten Arbeiten teilweise ein bißchen zu glatt findet, fast schon zu sehr für Galerien geeignet. Sie könnten ein bißchen leichter sein.
PK:
Gut, das ist eine Meinung. Sicherlich macht die Dokumentation auf der Internetseite die Arbeiten etwas 'glatter', also durch die Art der Präsentation. Aber das passiert ja immer sehr schnell, das liegt an der Natur der Sache, etwas auszustellen, dann wird alles immer künstlich erhöht. Und eine Dokumentation ist ja auch eine Form der Ausstellung. Jeder will natürlich wissen, welche Arbeit gewonnen hat, ebenso, welche Arbeiten auf die Shortlist gekommen sind. So muß man irgendeine Form des Zeigens wählen. Zusätzlich gibt es einen kurzen Text, da sich die Arbeit in ihrer Form nicht immer allein visuell erklärt. Die Texte sind jedoch bewußt rein beschreibend und haben keine interpretatorischen Zusätze. Dem einen ist das zu viel, dem anderen zu wenig.
MP:
Dann sprechen wir jetzt gar nicht über die einzelnen Gewinnerarbeiten?
PK:
Lieber angucken. Liegt ja in der Natur der Sache.
MP:
Wenn man goggelt, dann findet man im Zusammenhang mit dem Szpilman Award nicht immer Kommentare über die Preisträger, sondern sieht oft Arbeiten aus der Shortlist. Um Sarah Ortmeyers Arbeit 'Alles oder Nichts' hat sich ja fast ein kleiner Fankreis in der Welt der Blogger gebildet. Fällt die Jury doch nicht immer die richtige Entscheidung?
PK:
Nun, anscheinend schon. Ihre Arbeit ist ja auf der Shortlist. Es liegt vielleicht daran, daß manche Arbeiten schneller zugänglich sind, ihre Arbeit z.B. ist visuell extrem stark. Im gleichen Jahr hat Albert Heta aus Prishtina gewonnen. Dort muß man eher zweimal hinschauen, um die ganze Arbeit zu verstehen. Das heißt ja noch lange nicht, daß die Arbeit deswegen schlechter ist. Da wären wir auch wieder bei der letzen Anmerkung. Dem einen ist manches zu glatt, dem anderen dann wiederum zu sperrig. Das ist dann doch eine Frage des Geschmacks. Sicherlich würde man manchmal auch gerne mehrere erste Preise vergeben. Und gerade in starken Jahren ist man dann hin und hergerissen. Doch es gibt nur einen ersten Preis. Da muß sich die Jury dann entscheiden. Deshalb gibt es ja auch die Präsentation der Shortlist. Das sind sozusagen die Arbeiten, die bis in die letzte Runde kamen, also potentielle Gewinner.
MP:
Gibt es jedes Jahr die gleichen Auswahlkriterien?
PK:
Theoretisch schon. Praktisch sieht das natürlich ein wenig anders aus. Die Grundbedingungen sind die gleichen, da die Ausschreibung ja immer gleich ist. Doch steht eine Arbeit von 2003 im Kontext von 2003, und von 2007 im Kontext von Arbeiten aus 2007. Wir entwickeln uns ja alle weiter. Was vor vier Jahren interessant war, kann ja heute schon gewöhnlich sein.
MP:
Nun, es ist nicht alles neu, was man sieht. Die eine oder andere Arbeit kann man im Bezug auf schon bekannte Arbeiten sehen.
PK:
Neu ist nicht das primäre Kriterium. Da hätten wir wahrscheinlich große Schwierigkeiten, überhaupt einen Preisträger zu finden. Was ist heutzutage schon neu? Gut soll die Arbeit sein.
MP:
Was steht auf der Wunschliste des Szpilman Awards im Jubiläumsjahr 2007?
PK:
Viele Einsendungen, gute Arbeiten und jemand, der uns finanziell ein wenig unterstützt. Poster drucken, Porto für die Pressearbeit, das Preisgeld selber, Reisekosten für die Gewinner, Anreisen zum Jurytreffen, da kommt immer einiges zusammen.
MP:
Auf defunktion.net schreibt Olly: Möge der Szpilman Award lange leben. Das wünsche ich Euch auch.
PK:
Danke.
April 2007
Laser Magazine (www.lasermag.de)