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Christoph Schütte / Frankfurter Allgemeine Zeitung
Künstler, Spaßvögel und Frauen im Milchkreis
Was es nicht alles gibt. Ein "Vienna Vegetable Orchestra" etwa, das mit selbstgebastelten "Gemüseinstrumenten" musiziert. Leute, die auf öffentlichen Parkdecks Schilder aufstellen mit der Aufschrift "Parking For White Cars Only". Oder Künstler wie den Performance-Veteranen Chris Burden, der unlängst wieder einmal rund 100 Stahlträger vom Himmel in ein puddingweiches Betonfeld regnen ließ: Eine Art Riesen-Mikado in Antwerpen. Und außerdem eine Künstlergruppe, die derlei sammelt, ausstellt, mitunter selbst dokumentiert und Jahr für Jahr mit einem einigermaßen kurios anmutenden Preis honoriert.
Dabei hat das einst von ein paar Studenten der Offenbacher Hochschule für Gestaltung auf den Weg gebrachte Projekt "Szpilman" seinen Anfang eher aus einer Laune heraus genommen. In wechselnder Besetzung organisierten die nach der Großmutter eines der Gründer benannten Kommilitonen Partys, das Catering für Filme oder die sogenannten Mittwochsessen. Dann entdeckten Bernd Euler, Patrick Koch, Tina Kohlmann, Leonhard Kahlcke und Tina Schott, die alle am "Schmalclub"-Projekt ihres Lehrers Heiner Blum beteiligt waren, zusammen mit dem Städelschüler Dirk Fleischmann jene Lücke im Kunstbetrieb, die mit dem seit 2003 ausgelobten "Szpilman Award" geschlossen ward.
Einige eingereichte Projekte grenzwertig
"Wir haben auf einem Feld gearbeitet, auf dem es keine Kunstpreise gab", erläutert die 1977 geborene Kohlmann das Konzept. Performances, Aktionen im öffentlichen Raum, Arbeiten, die allein für den Moment existieren, wo die flüchtige Geste oder der Prozess keine Spuren hinterlässt, in einem Wort: die Kunst des Ephemeren, sie sollte mit "dem ersten Preis für vergängliche Sachen", wie Kohlmann ihn nennt, honoriert werden. Es war eine Idee, deren Erfolg die Gründer womöglich selbst überrascht hat. Damit, dass sich für einen Preis, der mit einem ebenso stattlichen wie hässlichen Wanderpokal, einem zehntägigen Aufenthalt in einem nordostpolnischen Kaff namens Cimochowizna und einem je nach Spendenaufkommen schwankenden Preisgeld von aktuell 200 Zloty dotiert ist, mittlerweile jedes Jahr ein paar hundert Künstler, Spaßvögel und Witzbolde aus aller Welt bewerben, war im Grunde kaum zu rechnen. Aber sie tun es mit zunehmender Begeisterung.
Gewiss, in jedem Wettbewerb finde sich manches, was sich Jahr für Jahr wiederhole, sagt "Szpilman"-Mitbegründerin Tina Schott, die seit zwei Jahren in Antwerpen lebt. "Eisskulpturen etwa oder Arbeiten nach dem Motto 'Ich zeichne in den Sand und dann kommt die Welle'." Einige der eingereichten Projekte wie "nackte Frauen im Milchkreis" seien darüber hinaus durchaus grenzwertig, ergänzt die Installationskünstlerin Tina Kohlmann. Mit der Zahl der Teilnehmer jedoch gerade einmal 17 waren es beim ersten Versuch 2003 ist Jahr für Jahr auch das Niveau gestiegen.
Aus der Not eine Tugend gemacht
Es ist ephemere Kunst im besten Sinne, wenn sich, wie im vergangenen Jahr geschehen, Julia Dick während einer Rede Angela Merkels live und vor dem Publikum der Kanzlerin deren Gesten anzueignen versucht. Wenn Sai Hua Kuan aus London seine filigrane und raumgreifende Zeichnung im "White Cube" mit einem Schnitt durch das mehr als 100 Meter lange Seil, aus dem sie bestand, komplett zum Verschwinden bringt, als sei dort nie etwas gewesen. Wenn Christopher Richmond für seine Performance "Painting The Sky Blue", den Versuch, buchstäblich den Himmel blau anzumalen, mit einer Dose blauer Sprühfarbe auf das Dach eines Hauses klettert. Auch wenn es in keinem dieser Fälle für den begehrten Pokal gereicht hat.
Für die Erfinder des Preises hat der Erfolg ihres Projekts indessen auch seine Tücken. Schließlich leben sie inzwischen in Berlin und Frankfurt, Seoul, Antwerpen oder Offenbach und organisieren den "Szpilman Award" Ausschreibung und Jurysitzungen, Buchhaltung und E-Mail-Verkehr gleichsam ehrenamtlich neben der eigenen künstlerischen Arbeit. Doch "Szpilman" wären nicht "Szpilman", hätten sie nicht aus der Not eine Tugend gemacht. In Ermangelung eines Sponsors organisieren sie kurzerhand "Donation Parties" mit den einstigen "Roxy"-Gründerinnen Kohlmann und Schott als DJanes, laden Künstler der Shortlist des Preises zu Performances ein und veranstalten Lectures. "Wir üben uns im Kuratieren und Präsentieren", beschreibt Schott die seit einem Jahr forcierte Ausstellungstätigkeit.
Künstlerisches Non-Profit-Projekt
Doch die den Preis flankierende Promotion, so zeigen es die "Szpilman Award Shows" in Lausanne, Frankfurt und Wien, Istanbul oder Warschau, ist längst selbst ein bemerkenswerter Teil des künstlerischen Projekts geworden. Wenn sie, wie unlängst im Atelier Frankfurt, Performer einladen und deren Aktionen von Zeichnern der Abendschule der Städelschule dokumentieren lassen oder am selben Ort mit Arbeiten von Yves Klein, William Wegman oder Marina Abramovic ihr unablässig wachsendes Videoarchiv mit Klassikern und Amateurarbeiten der ephemeren Kunst vorstellen, mag man derlei Aktivitäten zwar vor allem als Versuch bewerten, der flüchtigen Kunst buchstäblich Raum zu geben und sich zu entfalten.
Aber mit der Dokumentation dessen, was sich naturgemäß nicht halten lässt, leistet die Künstlergruppe darüber hinaus noch einmal deutlich mehr. Als Plattform für eine Kunst abseits des Mainstreams, die sich kaum vermarkten lässt, entfaltet "Szpilman" ganz heimlich, still und leise nicht nur einen geradezu subversiv zu nennenden Charme, sondern, wenn man so will, auch einen ebenso hintergründigen Beitrag zur Nachhaltigkeit des Ephemeren. Das mag man seltsam nennen oder auch, ganz klassisch, als Widerspruch in sich selbst bezeichnen, gleichviel. Als künstlerisches Non-Profit-Projekt ist es vor allem ganz wunderbar gedacht.
26. August 2009
Frankfurter Allgemeine Zeitung (www.faz.net)